Das neue Gesicht der Disruption

Kaum eine Theorie hat in den vergangenen Jahrzehnten in Wirtschafts- und Medienkreisen so viel Resonanz ausgelöst, wie die vom sog. Innovator’s Dilemma von Clayton Christensen. Kern der Argumentation darin ist, dass auffallend viele Unternehmen, die über lange Jahre an der Spitze der technologischen Entwicklung standen, durch die Verbreitung umwälzender, disruptiver Technologien aus dem Markt gedrängt werden. Was sie einst erfolgreich machte, entpuppt sich als Hemmschuh für die weitere Entwicklung.
von Ralf Keuper, Blogger und Kolumnist
Statt in den guten Jahren, Gelder in die Erforschung alternativer Technologien und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle zu investieren, werden die Ressourcen für die Bewahrung des Bestehenden verwendet. So lange sich mit dem alten Geschäftsmodell, den alten Produkten, Verfahren und dem vorhandenen Know How noch auskömmliche Gewinne erzielen lassen, sehen viele Unternehmen keinen Anlass dazu, in Bereiche zu investieren, die, sollten sie einmal Gewinne erwirtschaften, erst nach einigen Jahren ein festes Standbein sein können. Durch die risikoaverse Ressourcenallokation, in Form von Kapital, Bildung und Technologien, verstärkt sich über die Jahre der Hang zur Bewahrung des Status Quo. Gefördert wird diese Haltung häufig noch dadurch, dass auch die Mitbewerber, die man seit Jahren, Jahrzehnten kennt und beobachtet, denselben Weg eingeschlagen haben. Weitere Bestätigung kommt häufig aus dem näheren Umfeld des Unternehmens, beispielsweise von den Zulieferern. Das alles geht so lange gut, bis technologische und soziale Innovationen die eigenen Produkte und Dienstleistungen obsolet zu machen drohen. Kurzerhand betreten neue, dynamische Unternehmen ohne Altlasten das Spielfeld. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Innovationsgeschwindigkeit, wie Steven Johnson in Woher gute Ideen kommen zeigt, eine neue Dimension erreicht. Galt in der Zeit vor dem Internet die Regel, dass neue Technologien zehn Jahre für ihre Entwicklung und weitere zehn für ihre Durchsetzung am Markt benötigen, wie beim Videorecorder, beträgt dieser Zeitraum heute nur noch jeweils ein Jahr – Beispiel YouTube.Innnovator’s Dilemma korrigieren
Insofern ist die These vom Innnovator’s Dilemma weiterhin gültig. Indes: Jede halbwegs seriöse Theorie muss sich der Überprüfung in der Praxis stellen und ständig damit rechnen, widerlegt, d.h. falsifiziert zu werden. Und hier sieht es ganz danach aus, als müsste die Theorie des Innnovator’s Dilemma an einigen Stellen korrigiert werden. In letzter Zeit ist die Kritik an Christensen Paradigma der Disruption lauter und ein wenig schärfer geworden, wie z.B. in The Disruption Myth und Clayton Christensen should really disrupt his own innovation theories.
Nur leider belassen es die meisten Kritiker bei der Diagnose der Mängel, ohne Hinweise darauf zu geben, wie sich das Phänomen technologischer und sozialer Innovationen besser interpretieren lässt.
Denn, anders als in der Zeit vor dem Internet, oder sagen wir, vor 2010, sind es heute große Plattformen, digitale Ökosysteme, die die Rolle der Treiber technologischer und sozialer Innovationen übernommen haben, vom Crowdsourcing, Crowdfunding, Open Innovation, P2P-Netzwerken bis hin zur Blockchain. Wie Greg Satell in How Power Is Shifting From Corporations To Platforms feststellt, hat sich die Macht von den alten Großkonzernen, die die gesamte Wertschöpfungskette unter ihrer Kontrolle haben, hin zu Plattformen verlagert. Hinter vielen Plattformen stehen nicht selten Großkonzerne, die für das Management, das Zusammenspiel der Teile und die Pflege des Ökosystems zuständig sind. Daneben gibt es weitere Plattformen, die mittels Open APIs immer mehr Geschäft von traditionellen Anbietern in ihre Kanäle lenken.
Das bekommen derzeit die Banken zu spüren
Jedoch haben sich die Zeiten gewandelt. Die Ära der großen monolithischen Blöcke, der Universalbank (nur auf den ersten Blick ein Widerspruch), neigt sich dem Ende zu. Auslöser war weder ein einzelnes Unternehmen noch eine bestimmte Technologie. Es war die Summe verschiedener Einflüsse/Stilelemente aus Technologie, Gesellschaft, Zeitgeist, Recht und Wissenschaft. Ihre Wirkung lässt sich noch immer zutreffend mit disruptiv beschreiben.rk

Ralf Keuper ist Bank- und Diplomkaufmann und seit rund 15 Jahren in verschiedenen Positionen beratend im Bankenumfeld tätig. Er gehört zudem mit seinem Blog bankstil zu den Top10-Bloggern im FinTech-Bereich und berät Banken bei der digitalen Transformation sowie FinTech-Startups bei ihrem Markteintritt. Keuper hat unter anderem als Senior Consultant Banking bei der COR&FJA AG und Senior Consultant Banking & Financing bei Steria Mummert Consulting AG gearbeitet.
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